Der Mythos vom Alphatier

Das Bild des Alphatiers stammt aus der Biologie und zeigt, dass keine ordentliche Gruppe ohne eine gescheite Hierarchie und innere Konkurrenzkämpfe auskommt. Insbesondere „Gutmenschen“ neigen dazu, sich an diesem natürlichen Grundgesetz vorbeimogeln zu wollen.

Teamworkblog, immer um Risikominderung für seine Leser bemüht, gibt auch hier wieder praktische Hilfestellungen. Dieses Mal trifft es die Führungskräfte.

Als Alphatiere bezeichnet die Verhaltensforschung Mitglieder einer Tierherde oder eines Tierrudels, die dort über besondere Rechte verfügen. Wenn es sich um männliche Alphatiere handelt (es gibt auch Tierarten mit weiblichen Alphatieren!), dann sind es meistens die einzigen, die sich mit den weiblichen Herdentieren paaren dürfen. Oft haben sie auch Vorrang bei der Nahrungsverteilung. Beispiele für Alphatiere bei Säugetieren sind der Leitstier bei den Hausrindern oder „Silberrücken“ bei den Gorillas. So weit, so unbestritten. /1/  Besondere Bedeutung haben aber Studien über Wölfe erlangt. Rudolph Schenkel verwendete in einem Artikel von 1947 erstmals die Begriffe „Alphatier“ und „Betatier“. /2/

Übertragung auf den Menschen

Und von diesen Wolfsstudien aus fanden die Begriffe ihren Weg in die Betriebssoziologie. Jemanden mit einer hohen beruflichen Stellung als „Alphatier“ zu bezeichnen, war immer mit einer Mischung aus Bewunderung und negativem Unterton verbunden. Also etwa: „Er ist zwar rücksichtlos und kämpft seine innerbetrieblichen Konkurrenten mit harten Bandagen nieder, aber er macht das auch wirklich erfolgreich und es entspricht im Übrigen dem natürlichen Lauf der Dinge.“ Dass es in Gruppen, in denen es um produktive Arbeit geht (also um Jagdmethoden, Rollen im Jagdrudel und Verteilung der Beute wie auch um Zugang zu Weibchen – um im Wolfsbild zu bleiben), immer

  • eine Hierarchie geben muss,
  • dass diese Hierarchie mit Privilegien bei der Beuteverteilung verbunden ist
  • und dass es immer innere Konkurrenzkämpfe gibt

wurde zum stehenden Vorurteil. Ich erinnere mich an eine Fortbildung zur Transaktionsanalyse, die ich Ende der 90er Jahre besuchte. Der Trainer berichtete von einer eigenen Erfahrung als Berater der Führungsmannschaft eines sehr großen Internetproviders. Endlose Hahnenkämpfe um Macht und Privilegien. Er schloss seine Schilderung mit den Worten: „Bei Führungskräften muss und darf das auch so sein, und das rechtfertigt ja auch unser hohes Beraterhonorar.“

Bloß leider ist es Nonsens

Das Problem war nur, dass die ganze Wolfstheorie auf fehlerhaften Beobachtungen beruhte. David Mech, ein Biologe, hatte Anfang der 70er Jahre noch die These vom hierarchischen Wolfsrudel unterstützt. Nach 13jährigen Beobachtungen in der kanadischen Wildbahn – also an frei lebenden und nicht in Gefangenschaft im Zoo gehaltenen Wölfen – kam er dann zu ganz anderen Schlüssen. Danach bestehen Wolfsrudel in der Regel aus Familien oder Familienverbänden. Das sind 1 bis 3 Wolfspaare zusammen mit ihren Sprösslingen bis zu einem Alter von drei Jahren. Die älteren Wölfe haben eine Erziehungsfunktion gegenüber den Wolfskindern, aber kein Dominanzverhalten innerhalb der Generation erwachsener Wölfe. /3/ Wenn man es sich als Nichtbiologe überlegt, macht das auch Sinn. Wölfe sind Raubtiere, das unterscheidet sie von den oben zitierten Hausrindern  (Ochsen brauchen wirklich einen Leitstier!) und von Gorillas. Zweitens jagen Wölfe im Rudel, das unterscheidet sie von Katzenartigen wie Löwe oder Leopard. Wer in der Gruppe jagt, muss aber die Beute verteilen. Sonst haben nämlich die anderen Rudelmitglieder kein Interesse daran, mitzujagen. Menschen haben, bevor sie sesshaft wurden, auch in Gruppen gejagt. Also die ersten ca. 2.990.000 Jahre ihrer Evolutionsentwicklung. Es gibt deshalb wirklich einige Parallelen zwischen angeborenen Verhaltensweisen bei Mensch und – Hund. Und eine solche Parallele besteht eben darin, dass Menschen wie Wölfe – wenn man sie nicht umerzieht – einen relativ großen Aufwand treiben, um gerade Konkurrenzkämpfe im Innern der Gruppe zu vermeiden und zu schlichten. Das hält Gruppen stabil – eine elementare Voraussetzung für den Jagderfolg (die produktive Arbeit im Team).

Insgesamt sind Wölfe Meister im Konfliktlösen. Sie vermeiden Auseinandersetzungen, wann immer es geht. (…) Kein Anführer eines Wolfsrudels kann seine Schutzbefohlenen zu etwas zwingen. Kooperation geschieht freiwillig, ‚Gehorsam‘ spielt im Wolfsrudel keine Rolle.“ /4/

Der Mensch als Wolf

Jede historische Epoche hat ihre inneren Verfassungen in die Natur hineininterpretiert, um sie dann aus ihr als ewige moralische Lehre wieder abzuleiten. Das galt für den Sozialdarwinismus, das gilt auch heute für die Theorie vom Alphatier. Die Gesellschaft sieht in die Natur hinein – und sieht doch nur ihr eigenes Spiegelbild dort wieder.

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Abb. 2: Der Mensch als Wolf (Homo homini lupus)

Diese Ökonomie wird in der Wirtschaftspresse wie in vielen Titeln der Ratgeberliteratur gefeiert. Biografien von Steve Jobs, von Unternehmen wie Amazon oder Google machen das Bild vom Alphatier zum Gegenstand moderner Heldenverehrung. Gern würde sich diese Ökonomie des „The Winner Takes It All“ auch mit Vorbildern in der Natur rechtfertigen. Aber damit ist es leider nicht mehr weit her.In unserer heutigen Epoche sehe ich zwei Tendenzen im Widerstreit. Die eine Tendenz ist das Streben nach Selbstorganisation in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die andere Tendenz ist die zu einer Ökonomie des „The Winner Takes It All“.

Erstveröffentlichung

Anmerkungen

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Autor: Wolf Steinbrecher

Ich bin von Ausbildung Volkswirt und Informatiker. Ich habe lange in Systemhäusern und dann in einem Landratsamt in BaWü gearbeitet. Jetzt bin ich Mitgesellschafter der Common Sense Team GmbH und widme mich der Verbreitung von agilen Arbeitsmethoden, vor allem von teamorientiertem Informationsmanagement.

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