Enthemmt – und leider nackt

Ausschnitt des "Weltgerichts" von Hieronymus Bosch
Ausschnitt des „Weltgerichts“ von Hieronymus Bosch

Tummelplätze zivilisierten Umgangs sind die “social media” – Facebook zumal – gewiss nicht. “Ließe sich aus Pöbeleien Elektrizität gewinnen, könnte fb allein die Welt mit Energie versorgen”, habe ich kürzlich gelesen, fand das überzeugend und habe es geteilt. Es wird nichts nützen. Es mag statistisch belegt sein, dass die Menschheit heute weniger Mord, Totschlag, Kriegs- und andere Greuel erfährt als zuvor in ihrer Geschichte: Die gedankliche Bereitschaft, andere zu verletzen, um sich eigener überlegener Kraft und Wertigkeit zu vergewissern, sei beides auch nur eingebildet – diese Bereitschaft dürfte sich statistischen Erhebungen entziehen. Ob “hate speech” beim Imponiergehabe bleibt oder physischer Gewalt den Weg ebnet, ist die eine Frage.

Wenn demokratische Staaten mit halbwegs florierender Wirtschaft und funktionstüchtigem Rechtssystem sich darum bemühen, aggressive und auf Dominanz zielende Impulse von Einzelnen und Gruppen aufzufangen, gar fürs Gemeinwesen produktiv werden zu lassen, indem sie selbst divergenten Kulturen und bizarren Persönlichkeiten Freiräume öffnen und sie erhalten, werden sie zugleich gewärtigen müssen, dass auch die unerfreulichsten Geisteshaltungen sich ihre Nischen suchen. Dann wäre die nächste Frage, ob eine Gesellschaft sogleich mit dem Eisernen Besen “Wehret den Anfängen” üben oder es auf den praktischen Beweis ihrer Reife und überlegener Strategien ankommen lassen will.

Vermutlich bin ich nicht ganz allein, wenn ich unserem Gemeinwesen zutraue, ohne Zensur, ohne staatliche Überwachung à la Stasi, ohne Prüfungen von Religion oder anderen persönlich ausgeprägten Gesinnungen auszukommen. Dass sich gewaltbereite Minderheiten über die Strukturen von Staat und Gesellschaft erheben, Angst und Schrecken verbreiten, Mehrheiten für die Selbstermächtigung gewinnen können wie in Zeiten der Weimarer Republik – fürchten das nicht nur Hasenfüße mit wenig eigenem Engagement für unser dem Totalitarismus und der Spaltung entwachsenes Gemeinwesen? Die Menschen in meiner Umgebung halte ich allesamt für souverän und standfest genug, Dichotomiefallen zu vermeiden, die gern von Medien und Parteigängern des Musters “Wo wir sind, sind die Guten, alles andere gehört zu den Bösen” aufgestellt werden.

Möglicherweise alleine stehe ich da, wenn ich “Filterblasen” in den fb, g+, twitter, xing, linkedin etc. nicht schlimm finde. Für mich bedeutet Freiheit vor allem die Freiheit Nein sagen zu dürfen – und wenn ich keine Lust auf Pöbeleien habe, dann meide ich die Gesellschaft von Leuten, die das Pöbeln als Ausdrucksform ihres Selbstgefühls brauchen und praktizieren. Klar: In jungen Jahren bin ich keinem Scharmützel aus dem Weg gegangen, das ich für unvermeidlich hielt, und ich denke nicht daran, der heutigen Jugend ihre Erfahrungen mit Konflikten zu ersparen – die Jüngeren können angesichts gut entwickelter einschlägiger Methoden sowieso schon vieles besser machen als wir. Wenn sie wollen. Wer allerdings heute nicht die Minimalkriterien gesitteten Umgangs erfüllt, die mir seinerzeit von meiner Großmutter auf den Weg gegeben wurden, dem weise ich die Tür aus meiner Wohnung so gut wie aus meiner “Filterblase”.

Mögen die Parteigänger – egal welcher Glaubensrichtung – in der Demokratie nicht mehr als ihre Chance sehen, aggressiv ihre Vorurteile in die Welt zu setzen und Anspruch auf die eigene Vorherrschaft zu erheben, mögen sie vollkommen enthemmt pöbeln, verunglimpfen, hetzen: Sie zeigen sich nackt. Ich bezweifle, dass dieser Anblick auf viel mehr als Ihresgleichen anziehend wirkt.

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Autor: Immo Sennewald

Mein Name ist Immo Sennewald, ich wurde 1950 in Suhl in Thüringen geboren. In Berlin erwarb ich an der Humboldt- Universität 1973 das Diplom als Physiker; 1979 schloss ich als Schauspielregisseur ein künstlerisches Hochschulstudium ab. In den 80er Jahren begann ich als Autor für Rundfunk und Fernsehen zu arbeiten. Für RIAS TV und das internationale Programm der Deutschen Welle tv produzierte ich Dokumentationen über das deutsche Bildungssystem und über aktuelle Themen aus Kunst und Wissenschaft. Bei DW-tv habe ich in den 90er Jahren auch das Kulturmagazin moderiert. Seit 2000 lebe ich in Baden-Baden, arbeite freiberuflich als Autor, Regisseur und Produzent für ARD und ZDF, als Buchautor, Trainer für Kommunikation und Konfliktmanagement.

2 Gedanken zu „Enthemmt – und leider nackt“

  1. Lieber Immo,

    das hast Du aber ein großes Fass aufgemacht. Und ja, das ist inzwischen auch meine Auffassung. Ich gehen den Pöbeleien aus dem Weg, da sie meine Gedanken nur verunreinigen und mich nicht weiter bringen.

    Auf der anderen Seite wundere ich mich nicht, dass diese wenig erwachsen wirkenden Wortsteicherein stattfinden. Arno Gruen bringt es in seinem kleinen Büchlein Der Verrat am Selbst: Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau schon in der Einleitung gut auf den Punkt, wo der Hase im Pfeffer liegt: in Ermangelung an Autonomie, die uns in der Regel durch die Art unserer Erziehung abhanden kommt.

    Und wenn dann unsere Medien, die zum überwiegenden Teil nur noch in 5 Händen liegen, mächtig Öl in das brennende Pöbelei-Feuer gießt, wird einem so manches Klar:

    Rainer Mausfeld ist diesem auch noch passend auf den Grund gegangen:

    VG Martin

  2. Auf Facebook aufgeschnappt:

    Manche machen aus Twitter und Co eine Art Parolistan. Ein Ort für den täglichen emotionalen Stuhlgang.

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