Wirtschaftsethik: Compliance im Zeitalter des Zitronenhandels

Gerade in engen Märkten gibt es kaum noch Vertrauen für die richtige Entscheidung, nämlich nicht zu betrügen, und daher der Trend hin zum weniger ethisch korrekten Verhalten geht.

Dieses Mal möchte ich einen Blick auf die ethische Motivation der Compliance (dem Einhalten von Regularien und Gesetzen) werfen. Auf den Teil, wo es um das faire Miteinander am Markt geht und welche Rolle Standards dabei spielen. Dazu möchte ich das Buch Abschied vom Homo Oeconomicus: Warum wir eine neue ökonomische Vernunft brauchen
von Prof. Gunther Dueck heranziehen, speziell das Kapitel über den Handel mit Zitronen. Und da fällt der Zusammenhang zwischen “Warum brauchen wir Standards?” und “Warum wird es in hart umkämpften Märkten schwierig, nicht compliant (hier: nicht betrügerisch) zu bleiben?” leicht zu erklären.

Herr Dueck sieht uns in einer aktuellen Phase der Marktsättigung nach dem Ende der letzten Großinnovation, der Erfindung des Computers. Die vorherigen Großinnovationen waren das Auto, die Elektrizität, die Eisenbahn und davor die Dampfmaschine (siehe auch Kondratieff Zyklus). Es gab jeweils eine lange Phase der Prosperität während des Ausrollens dieser Technologien. Arbeit gab es genug und der Absatz von Produkten war auch einfach. Kritisch wird es immer dann, wenn die Marktsättigung eintritt. Die Produkte werden nicht mehr in der Menge abgenommen, d.h. der Markt wird eng und damit hart umkämpft. Es wird nun an den Produktionsprozessen rausgeholt, was rauszuholen ist. Alles muss effizienter und effektiver werden. Siehe den BPM-Hype der letzten Jahre. Die Qualität der Produkte darf auch schon mal geringer ausfallen, um auch hier zu sparen und die Produkte günstiger anbieten zu können.

Und hier kommt nun der Aspekt des Handels mit Zitronen ins Spiel: Wie kann der Kunde sicher sein, keine Zitrone zu kaufen, also ein Produkt, das nicht hält, was es verspricht. Auf der anderen Seite: wie können Firmen das Vertrauen des Kunden gewinnen, dass sie keine Zitronen anbieten. Empfohlen wird nun, entsprechende Signale zu setzen. Ein solches Signal kann die Zertifizierung bzgl. eines Standards sein. Und da sind wir bei den vielen Posts, die ich rund um die ethischen Siegel wie z.B. zu “sauberer” Kleidung und  nachhaltigem Forstbetrieb geschrieben habe. Große Firmen kostet eine solche Zertifizierung relativ zum Umsatz wenig und puschen daher die Standards. Die Kleinen haben eher Probleme, können die Kosten dafür nicht aufbringen und damit nicht mitziehen und verlieren diesen Wirschafts”krieg” womöglich.

Übrigens ist das Entscheiden auf Basis von Signalen laut der zweiten,  bisher in Vergessenheit geratenen Theorie von Darwin tief in uns verwurzelt. Wer da mehr zu wissen will, mag meinen Post Der verloren gegangene Schatz Darwins: die sexuelle Selektion … lesen.

Einen Teil der Frage, warum es mit unserer Ehrlichkeit während der Phase des engen Markts so schlecht bestellt ist, habe ich damit schon beantwortet. Wir reduzieren die Qualität des Produkts, um Kosten zu sparen und versprechen aber immer noch ein tolles Produkt. Nun gibt es aber im Verkaufsprozess noch weit problematischere Aktivitäten, nämlich die Korruption und Bestechung. Hier hört man von den entdeckten Betrügern allenthalben: “Was soll ich machen? Die anderen tun es doch auch.” oder “In dem Land ist das so üblich.”.

Prof. Dueck erklärt dieses Verhalten mit dem schon seit den 70igern bekannten, so genannten Gefangenendilemma (in Wikipedia gut erklärt). Sein Fazit ist, dass gerade in engen Märkten kaum noch Vertrauen für die richtige Entscheidung, nämlich nicht zu betrügen gegeben ist, und daher der Trend hin zum weniger ethisch korrekten Verhalten geht. Und das könnte auch gut erklären, warum in den letzten Jahren das Thema Compliance immer mehr in den Medien bewegt und damit zusehends in unser Bewusstsein gelangt.

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Autor: Dr. Martin Bartonitz

Mitinitiator der Initiative Wirtschaftsdemokratie. Geboren 1958 und aufgewachsen in Dortmund, am Rande des Kohlenpotts, einem Schmelztigel während der Gründerzeit eingewanderter Menschen. 1992 nach der Promotion in experimenteller Physik gewechselt von der Messprozess- in die Geschäftsprozesssteuerung. Mit Blick auf die Erfahrungen in der Optimierung der Effizienz von Prozessen in der Bürowelt kam in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis: Das Business machen die Menschen. Und wenn nur nach der Effizienz geschaut wird, dann wird auch noch die letzte Motivation in den Unternehmen zerstört. Daher sollten Organisation und auch die eingesetzte Software die Menschen in ihrer Kreativitität unterstützen und sie nicht knechten. Selbstbestimmtheit statt Fremdbestimmung sollte uns den nächsten Schub in unserer gesellschaftlichen Entwicklung bringen. Aufgrund dieser Überzeugung schreibe ich hier mit.

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