Lachen an der falschen Stelle

Charme des Lachens
Charme des Lachens

Eine junge Frau aus unserem Bekanntenkreis hat das seltene Talent, über sich selbst lachen zu können. Fällt ihr etwa in einer Gesellschaft ein Glas herunter, dann bricht sie nach einer Schrecksekunde spontan in schallendes Gelächter aus, während die Umstehenden noch pikiert auf Scherben und Weinflecke im Teppich starren. Die Unglückliche bekommt einen roten Kopf, entschuldigt sich und läuft, den Schaden zu beheben, wobei sie die Hand vor den Mund presst, und ihr Körper unter aufwallender Heiterkeit zuckt. Im Freundeskreis trägt ihr diese Reaktion auf eigenes Missgeschick Sympathien ein. Die Begabung hat nur einen Haken: sie bringt alle anderen um den – offenen oder heimlichen – Genuss der Schadenfreude.

Stellen Sie sich vor, ein Abteilungsleiter verstrickt sich während einer Präsentation mit dem Fuß im Kabel des Projektors, reißt das Gerät um, es poltert, der Brenner platzt und alles ist hin. Der Mann könnte im Handumdrehen Ansehen gewinnen, wenn er lachend sein Ungeschick eingesteht – vorausgesehen, dass er nicht vorher schon bodenlos verhasst ist. Was aber, wenn das gleiche einem Angestellten widerfährt?

Sie werden feststellen, dass akzeptierte und inakzeptable Formen des Ausdrucks – Gelächter oder schuldbewusste Verlegenheit, fahriges Murmeln von Entschuldigungen mit abgewandtem Gesicht etc. – von ziemlich genauen Rollenvorgaben abhängen. Diese Rollenvorgaben sind kein Zufall, und Verstöße werden geahndet: mit offen gezeigter Missbilligung, mit verdrehten Augen, mit Schadenfreude.

Zurück zu unserer jungen Frau. Sie arbeitet erfolgreich in einem mittleren Unternehmen, ist dort gut angesehen, denn sie ist ehrgeizig und hilfsbereit, aufgeschlossen und verantwortungsbewusst. Sie zögert nicht, Fehler einzugestehen – und sich darüber lustig zu machen. Ihre unmittelbaren Vorgesetzten aber bringen ihre Bewertung auf die Kurzformel: tüchtig, intelligent – aber arrogant und mit der Neigung, Kompetenzen zu überschreiten. Sie meinen vor allem die Kompetenz der Rollenzuweisung. Für die gelten im Gestell wahrhaft eiserne ungeschriebene und kaum reflektierte Regeln – egal ob in einer staatlichen Behörde oder einem Familienbetrieb. Danach riskieren Sündenböcke, Unglücksraben und Querulanten einiges, wenn sie einfach loslachen.

Dieser Artikel ist dem Buch “Der menschliche Kosmos” entnommen. Im gleichnamigen Weblog sind das Vorwort und das zweite Kapitel “Die Erschaffung des Angestellten” veröffentlicht.

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Autor: Immo Sennewald

Mein Name ist Immo Sennewald, ich wurde 1950 in Suhl in Thüringen geboren.
In Berlin erwarb ich an der Humboldt- Universität 1973 das Diplom als Physiker; 1979 schloss ich als Schauspielregisseur ein künstlerisches Hochschulstudium ab. In den 80er Jahren begann ich als Autor für Rundfunk und Fernsehen zu arbeiten.
Für RIAS TV und das internationale Programm der Deutschen Welle tv produzierte ich Dokumentationen über das deutsche Bildungssystem und über aktuelle Themen aus Kunst und Wissenschaft. Bei DW-tv habe ich in den 90er Jahren auch das Kulturmagazin moderiert.
Seit 2000 lebe ich in Baden-Baden, arbeite freiberuflich als Autor, Regisseur und Produzent für ARD und ZDF, als Buchautor, Trainer für Kommunikation und Konfliktmanagement.

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