Selbstausbeutung: das neue Leiden des 21. Jahrhunderts?

Anstatt sich vor einer wie auch immer gearteten äußeren Macht zu fürchten, kollabiere der Mensch des 21. Jahrhunderts an der Unendlichkeit seiner Möglichkeiten.

Ich möchte gerne eine Theorie vorstellen, die sich damit beschäftigt, warum immer mehr Menschen an Depression oder Burn-Out erkranken. Prof. Byung-Chul Han macht in seinem Buch Müdigkeitsgesellschaft
klar, dass unsere Erkrankung eine Selbstausbeutung ist. Während noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts der Arbeiter über offenkundigen Gehorsamkeit angetrieben wurde und so deutlich erkenntlich war, dass er in der Fremdausbeutung war, wandelte sich das Bild nun zunehmend. Die alten Zügel wurden immer mehr gelockert. An ihre Stelle tritt nun eine andere, kaum wahrnehmbare strukturelle Gewalt, die des Können-dürfens, die am Ende auch nur wieder ins Müssen ausufert:

Anstatt sich vor einer wie auch immer gearteten äußeren Macht zu fürchten, kollabiere der Mensch des 21. Jahrhunderts an der Unendlichkeit seiner Möglichkeiten.

so schreibt Svenja Flaßpöhler in ihrer Buchrezension, und weiter:

Heute ist an die Stelle des ehemaligen „Gehorsamssubjekts“ das „Leistungssubjekt“ getreten, das aus sich heraus produktiv ist. Das Leistungssubjekt, so Han, leidet nicht mehr an der Negativität von Verboten, sondern seine Krankheit resultiert gerade umgekehrt aus einem Übermaß an Positivität: Es kann, bis es nicht mehr können kann. Der depressive Mensch, schreibt der Philosoph, „ist jenes animal laborans, das sich selbst ausbeutet, und zwar freiwillig ohne jede Fremdzwänge“.

Ähnlich sieht das Jakob Schrenk in seinem Buch Die Kunst der Selbstausbeutung: Wie wir vor lauter Arbeit unser Leben verpassen. Er zeigt darin eine scheinheilige Arbeitswelt, die den Akteuren eine Selbständigkeit vorgaukelt, die sie nicht besitzen, und in der sie sich am Ende selbst versklaven. In einem Interview  (Die Kunst der Selbstausbeutung – „Arbeitslose auf Bewährung“) stellt er fest:

Um so mehr Freiheiten und Selbstbestimmung wir in unserem Arbeitsumfeld bekommen, umso mehr handeln wir wie ein Unternehmer im Unternehmen. Das ist einerseits freiwillig, weil es unter Umständen Spaß macht, andererseits entstehen ganz neue Zwänge. Wenn in der Arbeit zum Beispiel alle bis 21 Uhr bleiben, bleibt man selbst eben auch bis 21 Uhr. Man ist kein passiver Angestellter mehr, sondern ein Unternehmer der eigenen Arbeitskraftausbeutung.

Auf die Frage, was wir tun könnten, um uns vor der eigenen Ausbeutung zu schützen, kommt leider nicht viel mehr, als wieder das unsägliche Thema Work-Life-Balance:

Die neue Arbeitswelt ist vertrakt und verworren. Wir müssen sie und das Prinzip der Selbstausbeutung erst einmal verstehen und dann neue Grenzen zwischen Job und Freizeit ziehen.

Eines klingt jedenfalls auch immer wieder durch: Viele haben anfangs (angeblich?) richtig Spaß bei der Arbeit, wie bei einer scheinbar befriedigten Sucht, und stürzt sich so richtig rein. Am Ende ist man ausgebrannt, weil es dann doch keine Er-füll-ung gab?

Also gute Frage, wie bekommen wir unser Leben so hin, dass wir auch bei der Arbeit leben und Freude haben ohne in der Selbstausbeutung zu stehen, also ohne auszubrennen?

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Autor: Dr. Martin Bartonitz

Mitinitiator der Initiative Wirtschaftsdemokratie. Geboren 1958 und aufgewachsen in Dortmund, am Rande des Kohlenpotts, einem Schmelztigel während der Gründerzeit eingewanderter Menschen. 1992 nach der Promotion in experimenteller Physik gewechselt von der Messprozess- in die Geschäftsprozesssteuerung. Mit Blick auf die Erfahrungen in der Optimierung der Effizienz von Prozessen in der Bürowelt kam in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis: Das Business machen die Menschen. Und wenn nur nach der Effizienz geschaut wird, dann wird auch noch die letzte Motivation in den Unternehmen zerstört. Daher sollten Organisation und auch die eingesetzte Software die Menschen in ihrer Kreativitität unterstützen und sie nicht knechten. Selbstbestimmtheit statt Fremdbestimmung sollte uns den nächsten Schub in unserer gesellschaftlichen Entwicklung bringen. Aufgrund dieser Überzeugung schreibe ich hier mit.

2 Gedanken zu „Selbstausbeutung: das neue Leiden des 21. Jahrhunderts?“

  1. Das neoliberale Herrschaftssystem ist ganz anders strukturiert. Hier ist die systemerhaltende Macht nicht mehr repressiv, sondern seduktiv, das heißt, verführend. Sie ist nicht mehr so sichtbar wie in dem disziplinarischen Regime. Es gibt kein konkretes Gegenüber mehr, keinen Feind, der die Freiheit unterdrückt und gegen den ein Widerstand möglich wäre.

    Der Neoliberalismus formt aus dem unterdrückten Arbeiter einen freien Unternehmer, einen Unternehmer seiner selbst. Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmers. Jeder ist Herr und Knecht in einer Person. Auch der Klassenkampf verwandelt sich in einen inneren Kampf mit sich selbst. Wer heute scheitert, beschuldigt sich selbst und schämt sich. Man problematisiert sich selbst statt der Gesellschaft.

    Das unterworfene Subjekt ist sich nicht einmal seiner Unterworfenheit bewusst

    Ineffizient ist jene disziplinarische Macht, die mit einem großen Kraftaufwand Menschen gewaltsam in ein Korsett von Geboten und Verboten einzwängt. Wesentlich effizienter ist die Machttechnik, die dafür sorgt, dass sich Menschen von sich aus dem Herrschaftszusammenhang unterordnen. Ihre besondere Effizienz rührt daher, dass sie nicht durch Verbot und Entzug, sondern durch Gefallen und Erfüllen wirkt. Statt Menschen gefügig zu machen, versucht sie, sie abhängig zu machen. Diese Effizienzlogik des Neoliberalismus gilt auch der Überwachung. In den 1980er-Jahren hat man heftigst gegen die Volkszählung protestiert. Sogar die Schüler gingen auf die Straße.

    Fundstelle in der Süddeutsche Zeitung: Warum heute keine Revolution möglich ist

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