Arbeitslosengeld versus Grundeinkommen …

„Es gibt so viele Dinge, die sozial sinnvoll sind, aber sich finanziell nicht lohnen. Mit einem Grundeinkommen wären wir alle frei, sie zu erforschen.“ – Federico Pistono

Foto: Dr. Martin Bartonitz – Nov. 2012

Ich hatte Ende 2012 die Gelegenheit, einen jungen Mann kennenzulernen, der sich mit der Thematik des bedenkbaren Ausmaßes unserer Automatisierungen beschäftigte und dabei recht gelassen war, sah er doch viel Potential darin, dass wir bald sehr viel weniger lohnarbeiten und dafür mehr Zeit für das haben würden, was uns begeistert oder was dringend im sozialen Bereich (mein Bericht dazu: Nachlese: Roboter werden Deinen Job vernichten – Federico Pistono) zu tun ist.

Drei Jahre später stoße ich nun auf ein Interview, das Hans-Arthur Marsiske mit Federico Pistono im Kontext seines Buchs „Robots stehlen Deinen Job, aber das ist OK – wie man den Wirtschaftskollabs gllücklich übersteht“will (siehe auch diesen Artikel auf dem Blog dazu: Robots will steal your job, but that’s OK) geführt hat. Ich möchte diesen kleinen Auszug hier zur Diskussion stellen, geht es doch um das die Nation zunehmend spaltende Thema des Grundeinkommens. Das eine Lager mit dem Weltbild des X-Menschen (siehe: Vom Paradigmenwechsel unseres Menschenbilds: die X-Y-Theorie) ist der Meinung, dass damit die Faulheit weiter unterstützt würde. Das andere Lager mit dem Weltbild des Y-Menschen sieht darin die wahre Befreiung der Menschheit, die zu einem Miteinander auf Augenhöhe führen sollte. Hier nun die Sicht von Federico:

Federico Pistono: Diese Empfehlungen beziehen sich mehr aufs Individuum, nicht so sehr auf die Gesellschaft, obwohl es auch ein Kapitel gibt, das sich mit Unternehmen und Politikern beschäftigt. Als ich das Buch schrieb, waren mir die Experimente zum bedingungslosen Grundeinkommen noch nicht bekannt. Studien zur Arbeitslosigkeit, die ich gelesen hatte, kamen zu dem Ergebnis, dass Arbeitslose zu den unglücklichsten Gruppen der Gesellschaft zählen, selbst wenn sie finanzielle Unterstützung beziehen. Daher war ich zunächst gegen solche Unterstützungen.

Allerdings hatte die Studie einen Fehler: Es gab keine Kontrollgruppe. Sie hätten zum Vergleich eine Stadt oder Gemeinde betrachten sollen, wo jeder Unterstützung bezieht. Das ist der entscheidende Unterschied: Wenn du zu den wenigen gehörst, die Geld bekommen, bist du sozial stigmatisiert, wirst als unproduktives Mitglied der Gesellschaft betrachtet, das den anderen Geld wegnimmt. Aus diesem Grund bin ich gegen Arbeitslosenunterstützung. Sie schafft eine Armutsfalle. Die Motivation, daraus auszubrechen, geht gegen null.

Wenn du zum Beispiel 700 Euro Arbeitslosenunterstützung beziehst und dann ein Jobangebot bekommst, bei dem du vielleicht 800 oder 900 verdienst, aber dafür täglich 8 oder 10 Stunden arbeiten sollst, wirst du nicht sehr motiviert sein, das Angebot anzunehmen. Dafür müsste es schon deutlich attraktiver sein, vielleicht bei 4000 Euro liegen oder so. Bei einem Grundeinkommen, das jeder bezieht, sieht es anders aus. Alles, was durch Arbeit verdient wird, kommt hinzu, die Motivation, eine Arbeit aufzunehmen ist entsprechend höher. Zugleich bist du nicht gezwungen, irgendeine beliebige Arbeit aufzunehmen, weil du durch das Grundeinkommen abgesichert bist. Du kannst dich also mit Dingen beschäftigen, die vielleicht finanziell nicht lohnend sind, dir aber Befriedigung verschaffen, dein Leben mit Sinn erfüllen.

Es gibt so viele Dinge, die sozial sinnvoll sind, aber sich finanziell nicht lohnen. Mit einem Grundeinkommen wären wir alle frei, sie zu erforschen. Danach gefragt, was sie gerne tun würden, werden die meisten Leute sagen, sie seien schon immer an X interessiert gewesen, aber das würde sich niemals rechnen, also arbeiten sie lieber in einer Bank.

Fundstelle auf Telopolis: „Ich bin gegen Arbeitslosenunterstützung“
Federico Pistono über weltverbessernde Technologie und die Segnungen eines bedingungslosen Grundeinkommens

Und noch sein Buch: Roboter stehlen deinen Job, aber das ist OK: Wie man den Wirtschaftskollaps glücklich überlebt

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Autor: Dr. Martin Bartonitz

Mitinitiator der Initiative Wirtschaftsdemokratie. Geboren 1958 und aufgewachsen in Dortmund, am Rande des Kohlenpotts, einem Schmelztigel während der Gründerzeit eingewanderter Menschen. 1992 nach der Promotion in experimenteller Physik gewechselt von der Messprozess- in die Geschäftsprozesssteuerung. Mit Blick auf die Erfahrungen in der Optimierung der Effizienz von Prozessen in der Bürowelt kam in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis: Das Business machen die Menschen. Und wenn nur nach der Effizienz geschaut wird, dann wird auch noch die letzte Motivation in den Unternehmen zerstört. Daher sollten Organisation und auch die eingesetzte Software die Menschen in ihrer Kreativitität unterstützen und sie nicht knechten. Selbstbestimmtheit statt Fremdbestimmung sollte uns den nächsten Schub in unserer gesellschaftlichen Entwicklung bringen. Aufgrund dieser Überzeugung schreibe ich hier mit.

2 Gedanken zu „Arbeitslosengeld versus Grundeinkommen …“

  1. Die Meinungen zum Thema Grundeinkommen gehen ja immer noch in die unterschiedlichsten Richtungen. Ich glaube, dass es für viele eine tolle Chance wäre, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, glaube aber auch, dass es aktuell hier bei uns gar nicht umzusetzen wäre. Dafür müsste sich doch noch einiges ändern.

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