Open(ing) Space für Nichtwissen – Teil 2

Open Space Technologie ist eine ausgesprochen simple Methode, die es kleinen und großen Gruppen ermöglicht, mit komplexen und konflikthaften Themen in überraschend kurzer Zeit konstruktiv umzugehen.

Opening Space für die Frage: Vorbereitung des Wissensfeldes

Credit: NASA/GSFC/Debbie McCallum
Credit: NASA/GSFC/Debbie McCallum

Während des Ablaufs wird unweigerlich klar, dass neues Wissen über und neue Herangehensweisen an alte und neue Probleme entwickelt werden – in Ergänzung zu vielfältigen anderen positiven Ergebnissen. Aber es ist die Wissenserzeugung, die Open Space für diese Diskussion relevant macht. In den letzten 20 Jahren nahm ich an dem großartigen, natürlichen Experiment mit Open Space Technologie teil. Es kann, wie ich glaube, einiges nutzbringendes Licht auf das Thema der „Vorbereitung und Erhaltung des Wissensfeldes“ werfen.

In Kürze: In einem Open Space werden die Teilnehmer, die mit einem wesentlichen Thema befasst sind, in einen Sitzkreis eingeladen. Sie kreieren ein schwarzes Brett, auf dem wichtige Subthemen notiert werden, die die Teilnehmer an ihre Kollegen adressieren möchten. Danach wird ein Marktplatz eröffnet, auf dem die Planungsdetails (Raum und Uhrzeit) der Treffen verhandelt werden, in denen die jeweiligen Subthemen bearbeitet werden sollen. Dann geht die eigentliche Arbeit los. Es ist bedeutsam, dass alle Open Space – Veranstaltungen mit nichts als einer Frage starten. Es gibt keine Präsentationen, keine zuvor erstellten Tagesordnungen, keine Konferenzkomitees und keine intervenierenden Moderatoren – nur eine Frage. Der Charakter der Frage variiert natürlich mit der jeweiligen Situation. Wenn z.B. Menschen zusammenkommen, um die örtliche Wasserversorgung zu verbessern, könnte die Frage lauten: „Was sind zu lösende Probleme und Möglichkeiten, um die Qualität der Wasserversorgung unserer Gemeinde zu verbessern?“ Die Frage ist weit genug, um die Erkundung einer unendlichen Anzahl an Antworten zu erlauben. Und sie ist ausreichend fokussiert, um sicherzustellen, dass die Teilnehmer wissen, warum sie anwesend sind. Wenn sie an der Frage nicht interessiert sind, sollten sie besser nicht teilnehmen.

In den letzten 20 Jahren seit 1985, als ich Open Space entwickelte, wurde diese Methode 60.000-mal in 108 Ländern mit Gruppengrößen von 5 – 2000 Teilnehmern durchgeführt. Hier einige Beispiele für typische Anwendungen:

  • Die strategische und taktische Planung für Rockport Shoes Inc: 400 Mitarbeiter erarbeiteten Ziele und Richtungen für ihr Unternehmen, entwickelten ein völlig neues Produkt und erneuerten ihr Inventursystem. All das wurde in zwei Tagen erarbeitet. Außer der Eröffnung und dem Abschluss der Veranstaltung gab es keinerlei Intervention von mir als Moderator. Die Teilnehmer haben alles selbst erledigt.
  • 2008 deutsche Psychiater kamen für einen Tag zusammen, um ihr gemeinsames Lernen und Wissen am Ende einer Konferenz zu entwickeln. In ca. einer halben Stunde erstellten sie 236 Arbeitsgruppen, organisierten selbst den gesamten Prozess und produzierten zur Dokumentation ihrer Arbeit ein Buch über die anschließenden Maßnahmen.
  • In den Vereinigten Staaten hat eine Gruppe aus 23 Architekten, Technikern und Führungskräften den AT&T Olympia Pavillon für die Olympiade 1996 komplett erneuert. Sie starteten mit einem leeren Blatt Papier und hatten zum Schluss nach zwei Tagen ein völlig neues Design für das 200 Millionen US-Dollar Projekt erstellt. Wiederum leisteten die Teilnehmer dies ohne jegliche Intervention von außen.
  • 50 Palestinänser und Israelis trafen sich in einem Open Space. Diese 50 Seelen waren nicht die üblichen Friedensstifter, sondern vielmehr eine extreme Repräsentation der konfliktträchtigen Leidenschaften und Positionen dieses problematischen Teils der Welt. Sie trafen sich in Rom zu folgender Frage: „Was sind zu lösende Probleme und Möglichkeiten, den Zirkel der Gewalt zu beenden?“ Zweieinhalb Tage engagierten sie sich mit angespannter Intensität. Schließlich hatten sie eine Anzahl an kleinen und großen Möglichkeiten gefunden, um ihren Alltag lebenswerter zu gestalten. Es wäre eine große Übertreibung zu behaupten, dass völliger Friede über den Mittleren Osten hereinbrach; aber es wäre nicht falsch zu sagen, dass die Teilnehmer in diesem Moment wirklichen Frieden im Sinne von gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Hoffnung erlebten. Peera Chodorov, ein Berater des israelischen Außenministers, sagte: „Die Bilder brannten sich in mein Gehirn: Lächelnde Menschen, sich umarmend, sogar küssend, ein Hauch von Intimität im Open Space. Ich hoffe, dass wir diesen Beginn bewahren können und damit Erfolg haben, indem wir mehr und mehr Menschen diese Möglichkeit eröffnen.“ Und wiederum schafften die Teilnehmer dies alleine, ohne besonderes Training oder intervenierende Moderation.

Es gibt keine komplette Dokumentation der verschiedenen Anwendungsarten von Open Space oder der erzielten Resultate. Ausführlichere Beschreibungen der obigen Beispiele und anderer Anwendungen sind jedoch in meinen Büchern zu finden (vgl. Owen 2001a und b). Zudem gibt es die OSLIST, eine seit 10 Jahren laufende Konversation der Gemeinschaft der Open Space – Moderatoren. Meine Beobachtungen und Schlussfolgerungen basieren auf 20 Jahren Erfahrung mit Open Space. Falls Sie jedoch nach Beweisen für meine Behauptungen suchen, möglicherweise in einem strengen wissenschaftlichen Sinn, werden Sie keine finden. Der Grund ist einfach: Bis heute gibt es keine Studien zu Open Space und seiner Anwendung. Warum die akademische Gemeinschaft etwas derart Simples, Überraschendes und Kraftvolles ignoriert, ist mir ein Rätsel. Für mich und die tausende von Menschen, die Open Space genutzt haben, ist es nicht so wichtig, wissenschaftliche Studien zu initiieren, da unsere Aufgabe die Anwendung und Durchführung ist. Wenn ein Ablauf tausende Male mit voraussagbaren und vergleichbaren Ergebnissen genutzt wurde, scheint ein Beweis im formalen Sinne nicht besonders gewinnbringend. Wenn Sie meine Behauptungen hinterfragen, was ich hoffe, lade ich Sie zu Open Space ein. Die Bedingungen des Experiments sind leicht zu spezifizieren und die Prozedur ist im Detail klar umrissen. Wenn die Bedingungen stimmen und Sie dem Ablauf folgen, würde ich erwarten, dass Sie meine Ergebnisse bestätigen und eventuell zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen. Aber Sie müssen es selbst ausprobieren.

Die spezifischen Anwendungen und Ergebnisse von Open Space sind so variationsreich wie die Menschheit selbst, wie die obigen Beispiele zeigen. Trotzdem erreichte jeder Open Space, an dem ich teilnahm oder von dem ich hörte, Ergebnisse oder Verhaltensmerkmale, die ich folgendermaßen beschreiben würde:

  1. „Revolutionäres“ Lernen
  2. „revolutionäres“ Spielen
  3. angemessene Kontrolle und Struktur
  4. aufrichtige Gemeinschaft.

Von diesen vieren hat scheinbar „revolutionäres“ Lernen am meisten mit unserer augenblicklichen Fragestellung zu tun. Aber tatsächlich sind alle vier miteinander verbunden und unterstützen die Erzeugung von Wissen; nicht durch eine Spezifizierung des Wissens, sondern vielmehr durch die Schaffung eines bereichernden Umfeldes, in dem sich kraftvolles Wissen entwickeln und wachsen kann.”

Harrison Owen 2007

Mit freundlicher Genehmigung aus: Dr. Andreas Zeuch (Hrsg.)(2007): Management von Nichtwissen in Unternehmen. Carl-Auer: S. 170-172

Siehe auch: Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten – Interview mit dem Autor Dr. Andreas Zeuch

Teil 1 – Intro
Teil 2 – Opening Space für die Frage: Vorbereitung des Wissensfeldes
Teil 3 – „Revolutionäres“ Lernen …
Teil 4 – Opening Space für Selbstorganisation
Teil 5 – Möglichkeitsraum und die Suche nach dem jeweiligen Optimum
Teil 6 – Open Space als Möglichkeitsraum
Teil 7 – Die Suche nach dem jeweiligen Optimum im Open Space
Teil 8 – Lernen lernen – Das Geschenk des Nichtwissens

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