Open(ing) Space für Nichtwissen – Teil 4

„Ich bin überzeugt, zeigen zu können, wie der Open-Space-Prozess auf verschiedene Arten die Bedingungen der Selbstorganisation erzeugt, d.h. dass Open Space eine Selbstorganisation menschlicher Systeme ist.“

Opening Space für Selbstorganisation

Selbstorganisierte Musterbildung im pflanzlichen Gewebe. Creative Commons-Lizenz, Urheber: RobKohl
Selbstorganisierte Musterbildung im pflanzlichen Gewebe. Creative Commons-Lizenz, Urheber: RobKohl

Open Space Technologie ist die Einfachheit an sich. Mit etwas weniger als 20 Minuten Einführung durch den Moderator sind Gruppen aller Größen in der Lage, ihre Agenda zu bilden und ihr Thema in Angriff zu nehmen. Nach anderthalb Stunden haben sich Arbeitsgruppen gebildet, um die wichtigen, durch sie identifizierten Subthemen zu erkunden und zu diskutieren. Im Verlauf des Open Space (normalerweise ein bis zwei Tage) treffen sich die Gruppen zu selbst gewählten Zeiten an selbst gewählten Orten. Wenn jede Gruppe ihre Arbeit abgeschlossen hat, werden Arbeitsberichte geschrieben und an alle Teilnehmer verteilt. Der Moderator, der die Veranstaltung eröffnete, ist praktisch unsichtbar und bietet keinerlei Richtung oder Intervention während des Prozesses an. Einige Moderatoren, wie ich selbst, sind dafür bekannt, zwischendurch ein Nickerchen zu machen. Kurzum: Die Teilnehmer erledigen alles selbst.

Aus der Perspektive konventionellen Wissens über Gruppenprozesse und der Organisation von Meetings ist die Erfahrung mit Open Space ein Rätsel. Eigentlich dürfte es nicht funktionieren. Jeder weiß, dass man nicht 2000 Leute eigenverantwortlich ohne Agenda alleine lassen kann, ohne dass etwas anderes als riesige Verwirrung entsteht. Trotzdem haben tausende von unterschiedlichsten Gruppen in den letzten 20 Jahren das Unmögliche möglich gemacht. Wiederum die Frage: Was geht hier vor?

Die einzig plausible Erklärung ist: Open Space funktioniert, weil Selbstorganisation funktioniert. Die genauen Eigenschaften und eine präzise Definition von Selbstorganisation sind Gegenstand einer entstehenden Diskussion, deren Ende kaum absehbar ist. Dennoch ist die Realität von Selbstorganisation ein fester Bestandteil in den Überlegungen vieler Wissenschaftler geworden.

Mein favorisierter Lotse durch die entstehende Gedankenwelt selbstorganisierender Systeme ist Stuart Kauffmann. Seine biologische Forschung rankt sich um die interessante Frage, wie aus Urschlamm Leben entstehen konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob er meinen Formulierungen zustimmen würde, aber meines Erachtens reduziert sich alles auf das unglaubliche Faktum, dass wir aus dem kochenden Hexenkessel merkwürdiger Chemikalien auf der Oberfläche unseres frühen Planeten erschienen sind. Wie ist das passiert?

Kauffmans Antwort ist, kurz gesagt, dass das Meiste von alleine geschah (Kauffman 1995). Oder, wie er mit mantrahafter Regelmäßigkeit sagt: „Lieferung umsonst“. Mit ein paar simplen Vorbedingungen wächst das Nicht-Organisierte von alleine zusammen. Diese grundlegenden Vorbedingungen sind:

  1. eine relativ sichere, nährende Umgebung,
  2. hohe Vielfalt,
  3. große Komplexität,
  4. nur wenige bereits bestehende Verbindungen,
  5. die Suche nach dem jeweiligen Optimum und
  6. das Sein am Rande des Chaos.

Eine relativ sichere, nährende Umgebung: Sogar ein sich selbstorganisierendes System benötigt etwas Frieden und Ruhe, um sich zu realisieren. In den frühen Tagen hier auf der Erde mag das ein Platz im Schatten eines freundlich schützenden Felsens gewesen sein, der zeitweise vor der gewalttätigen Strahlung der Sonne schützte. Große Vielfalt heißt, dass die „Suppe“, aus der neue Organismen (Organisationen) entstehen, viele verschiedene Elemente enthalten muss. Wenn alles dasselbe ist, wird nicht viel passieren. Große Komplexität könnte besser als ein hohes Niveau potentieller Komplexität wiedergegeben werden. Die zu organisierenden Elemente müssen die Kapazität haben, in einer Vielzahl an komplexen Beziehungen zusammenzupassen. Wenn es nur eine Möglichkeit der Passung gibt, kann zwar Organisation entstehen, aber die Chancen schwinden. „Wenige bereits bestehende Verbindungen“ ist wahrscheinlich eine etwas verwirrendere Formulierung als nötig, da die Idee einfach ist: Die Elemente, die sich organisieren sollen, dürfen noch nicht organisiert sein. Die Suche nach dem Optimum ist selbstverständlich der Prüfstein Darwinistischer Evolutionstheorie, wobei sie oft als „survival of the fittest“ wiedergegeben wird – etwas unkorrekt, wie ich meine. Der zentrale Punkt besteht in dem „Bedürfnis“ auf einem höheren Niveau zu funktionieren. Daraus ergibt sich die Suche nach besseren Möglichkeiten der Anpassung an die Umwelt. Diejenigen, die sich besser anpassen, überleben besser.

Da Kauffmann weitestgehend über Atome und Moleküle spricht, die in neuer und besserer Weise zusammenkommen, ist die Zuschreibung „Bedürfnis“ auf diese unbelebten Objekte wohl eine Ausweitung des Begriffs und würde diesem atomaren Niveau ein gewisses Maß an Bewusstsein unterstellen. Wer weiß schon, ob das zutrifft; meine Intention besteht lediglich in der Andeutung, dass es – bewusst oder unbewusst – eine Suche nach einer besseren Daseinsform gibt. Wenn Sie und ich ein Atom sind und zusammenkommen (uns selbst organisieren), um ein Molekül zu bilden, mag dies einige Vorteile für unsere Fähigkeit mit sich bringen, in der Welt klarzukommen.

Die letzte Vorbedingung, Sein am Rande des Chaos, ist das Entscheidende. Wenn die ganze atomare Suppe dasitzt wie ein träger Klumpen, wird nicht viel passieren. Nur wenn die Suppe ein aufgewühltes Chaos ist, kommt die Möglichkeit der Selbstorganisation auf. Kauffman zufolge entsteht Ordnung, wenn diese grundlegenden Vorbedingungen bestehen. Niemand muss etwas machen, planen oder managen – Organisation geschieht einfach. Wenn alles läuft, besteht das Ergebnis in dem, was Kauffman und seine Kollegen ein „komplexes adaptives System“ nennen. Es ist komplex in dem Sinn, dass es aus vielen Elementen besteht, die auf zahlreiche Weisen miteinander verbunden sind. Adaptiv ist es in dem Sinn, dass der Prozess der Selbstorganisation so lange weiterläuft, wie diese Einheit nach neuen Daseinsformen sucht. Diese Suche könnte auch als Lernen verstanden werden, das etwas mit dem Prozess der Wissenserzeugung zu tun haben scheint. Und es ist ein System in dem Sinne, dass alles zusammen arbeitet.

Ich bin beileibe nicht kompetent, um die Qualität von Kauffmans Wissenschaftlichkeit zu beurteilen. Das muss seinen Kollegen überlassen werden. Ich kann jedoch sagen, dass die Beurteilungen seiner Arbeit meist positiv waren und selbst wenn Kauffman noch nicht alles richtig erfasst hat, scheinen seine Kollegen davon auszugehen, dass er in die richtige Richtung verweist. Während sich die Räder des Wissenschaftsbetriebs in ihrer einzigartigen Weise weiterdrehen, ziehe ich bereits eine vorzeitige Schlussfolgerung: Was Kauffman im Allgemeinen und im Detail geschrieben hat, ist der Schlüssel, um Open Space zu verstehen und warum das scheinbar Unmögliche mit voraussagbarer Regelmäßigkeit eintritt. Open Space funktioniert, weil Selbstorganisation funktioniert.

Vor einigen Jahren wurde ich gefragt, was die besten Bedingungen für die Anwendung von Open Space seien. Ich antwortete, dass Open Space dann gut funktioniert, wenn Folgendes zutrifft:

  1. Sie haben eine wichtige Arbeitsaufgabe, die Ihnen am Herzen liegt.
  2. Diese Aufgabe ist so komplex, dass keine Einzelperson oder Kleingruppe dies mit ihrem Verstand erfassen kann.
  3. Eine große Vielzahl an Personen, Disziplinen oder Parteien ist involviert.
  4. Ein aktueller oder potentieller Konflikt ist präsent.
  5. Die Aufgabe hätte schon gestern erledigt sein sollen.

Unter diesen Bedingungen scheint Open Space immer zu funktionieren.

Es ist offensichtlich ein großer Sprung von molekularer Selbstorganisation hin zur Selbstorganisation menschlicher Systeme. Was an einer Stelle passiert, muss anderswo nicht so sein, aber es könnte so sein. Wenn Selbstorganisation seit Anbeginn eine fundamentale Kraft im Kosmos ist, wäre es dann nicht seltsam, wenn menschliche Systeme als kleiner und junger Teil des Kosmos irgendwie ausgenommen wären? Man könnte genauso die Ausnahme menschlicher Systeme von der Gravitation annehmen. Des Weiteren war ich nicht nur von den sprachlichen Ähnlichkeiten zwischen Kauffmans und meinen Bedingungen überrascht; ich bin darüber hinaus überzeugt, zeigen zu können, wie der Open-Space-Prozess auf verschiedene Arten die Bedingungen der Selbstorganisation á la Kauffman erzeugt. Heute glaube ich, dass Open Space eine Selbstorganisation menschlicher Systeme ist. Die Zeit wird die Gültigkeit dieser Schlussfolgerung zeigen. In der Zwischenzeit möchte ich Sie bitten, sie zu akzeptieren, um des Argumentes Willen oder als testbare Hypothese.

Harrison Owen 2007

Mit freundlicher Genehmigung aus: Dr. Andreas Zeuch (Hrsg.)(2007): Management von Nichtwissen in Unternehmen. Carl-Auer: S. 170-172

Siehe auch: Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten – Interview mit dem Autor Dr. Andreas Zeuch

Teil 1 – Intro
Teil 2 – Opening Space für die Frage: Vorbereitung des Wissensfeldes
Teil 3 – „Revolutionäres“ Lernen …
Teil 4 – Opening Space für Selbstorganisation
Teil 5 – Möglichkeitsraum und die Suche nach dem jeweiligen Optimum
Teil 6 – Open Space als Möglichkeitsraum
Teil 7 – Die Suche nach dem jeweiligen Optimum im Open Space
Teil 8 – Lernen lernen – Das Geschenk des Nichtwissens

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