Open(ing) Space für Nichtwissen – Teil 5

“Eine große Anzahl an Teilnehmern und redundanten Aktionen führt in Kombination mit einfacher, genauer und schneller Kommunikation dazu, dass der Möglichkeitsraum seinen Schatz hervorbringt.”

Möglichkeitsraum und die Suche nach dem jeweiligen Optimum

Creative Commons-Lizenz Richard Bartz, Munich Makro Freak
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Richard Bartz, Munich Makro Freak

Nachdem wir den Sprung von Open Space als sonderbarer Art, Treffen zu organisieren, bis hin zu Open Space als Beispiel professioneller Selbstorganisation gemacht haben, können wir uns jetzt der Rolle der Frage für die Wissenserzeugung widmen; oder vielleicht der Notwendigkeit von Nichtwissen als Bedingung für Wissen: Nichtwissen als Wegbereiter von Wissen. Der Schlüssel liegt, wie ich glaube, in der Suche nach dem jeweiligen Optimum und dem Ort (Raum), wo diese Suche stattfindet – was ich Möglichkeitsraum nenne.

Die Forscher am Santa Fe Institute haben selbstorganisierende Systeme als „komplexe adaptive Systeme“ bezeichnet. Der Schlüsselbegriff ist adaptiv, was – wie schon angedeutet – auch als Lernen bezeichnet werden könnte, da sich das System nicht nur bessere Adaptionen an die Umwelt sucht, sondern sich auch für zukünftigen Nutzen an sie erinnert. Ein Wissen wird aufgebaut, das ein besseres Überleben ermöglicht. Offensichtlich haben Atome und Moleküle zwar keine neuronalen Pfade, aber das „Gedächtnis“ (und Lernen) ist trotzdem real, eingebettet in die neu geschaffenen Strukturen: neue molekulare Zusammensetzungen mit Eigenschaften, die kein Molekül zuvor hatte.

Dieser adaptive Prozess ist in höher organisierten Systemen genauso sichtbar, zum Beispiel in Ameisenkolonien (Johnson 2001). Diese kleinen Wesen konstruieren architektonische Wunder, zeigen ein enorm komplexes Sozialverhalten und überleben in einer sich konstant verändernden Umwelt. Sie lernen ferner mit großer Geschwindigkeit und wenden schnell die Früchte ihres Lernens an – ohne ein Gehirn in unserem Sinne.

Sobald jeden Tag die Dämmerung hereinbricht (metaphorisch, da Ameisen 24 Stunden täglich auf Entdeckung gehen) ziehen die Ameisen von ihrem Zuhause los. Die einzelnen Schlangen in denen sie marschieren, brechen in verschiedene Reihen auseinander und einzelne Ameisen verteilen sich weiter in der Landschaft auf scheinbar zufällige und chaotische Art – aber es gibt eine Absicht, eine Suche, eine Frage und die heißt: FUTTER! Und es gibt einen Überfluss von Nichtwissen. Wenn das Ziel Futter ist, sind der Ort und die Art dieses Futters unbekannt, wir könnten sagen, verloren in einer „großen Wolke des Unbekannten“.

Wie kommen wir von hier dorthin? Nach dem Verhalten der Ameisen zu urteilen, ist eine gerade Linie nicht die einzige Strategie. Jede einzelne Ameise sucht sich ihren eigenen Weg. Es gibt keine strikt kontrollierte „Suchmatrix“ für diese Wesen. Jede Ameise ist für sich und macht ihr Ding – vor und zurück, quer durch die Landschaft. Was für den einzelnen wie Zufall aussieht, ist tatsächlich eine aufeinander abgestimmte Anstrengung für das Kollektiv. Um die Ergebnisse (Futter) zu erreichen, sind bestimmte Grundlagen nötig: Viel Raum. Viele Ameisen. Viel Redundanz.

Der Raum ist das, was ich Möglichkeitsraum genannt habe. Für den beiläufigen (oder uninformierten) Beobachter scheint nichts da zu sein. Das ist ein profunder Irrtum, da der Raum buchstäblich voll ist – von Möglichkeiten. Wenn auch im Moment nichts sichtbar ist, so könnten doch viele Dinge da sein. Und je größer der Raum, desto vielfältiger die Möglichkeiten. Selbstverständlich gibt es keine Garantien, ausgenommen eine: Wenn Sie den Raum reduzieren, limitieren Sie die Möglichkeiten. Unter idealen Umständen ist der Möglichkeitsraum unbegrenzt. Das würde natürlich bedeuten, dass die Möglichkeiten (Futter zu finden) unbegrenzt wären.

Unbegrenzte Möglichkeit ist ein wunderbares Ideal. Aber dieses Ideal zu realisieren kann ein Problem sein, es sei denn, man hat eine unbegrenzte Anzahl an „Raum-Erkundern“. Mutter Natur bietet normalerweise nichts „unbegrenzt“, aber die Anzahl der Ameisen ist definitiv beeindruckend, wie jeder Picknicker zu seinem Ärger merkt, wenn sie in das Picknick eindringen. Aus dem Nichts fallen überall Tausende ein, und wenn Sie gerade ein Einfallstor geschlossen haben, finden die beharrlichen Horden ein anderes. An diesem Punkt dämmert Ihnen, dass das scheinbar zufällige Verhalten außerordentlich effektiv ist. Für die Ameisen ist der unendliche Möglichkeitsraum jetzt voll von Inhalt. Das Ende ihrer Suche ist in Sicht: FUTTER.

Hinter all dieser Aktivität ist eine geheime Waffe in Gebrauch. Und wie viele gute Geheimnisse ist auch dieses im Offensichtlichen versteckt. Das Geheimnis ist Redundanz. Einzelne Ameisen wiederholen und wiederholen und wiederholen die grundlegenden Aktionen ihrer Kameraden. Es gibt kleine Variationen, verursacht durch die eigentümlichen Charakteristiken jeder Ameise (ja, Ameisen sind unterschiedlich). Das Terrain wird verhandelt, aber die fundamentalen Aktionen bleiben in jedem Fall dieselben. Aber Unterschiede, auch sehr kleine, machen einen Unterschied (Bateson 1992). Die kleinen Variationen in identisch erscheinendem Verhalten weiten das Areal der Suche aus und so werden durch scheinbar gleiche Handlungen neue Territorien erkundet und neue Möglichkeitsräume angetroffen. Redundanz ist kraftvoll.

Für viele Menschen in der modernen Welt, besonders Manager und Führungskräfte, ist Redundanz hingegen die ultimative Zeitverschwendung, der Inbegriff von Ineffektivität. Aus augenscheinlich guten Gründen werden große Anstrengungen unternommen, um Redundanz zu eliminieren. Und tatsächlich – wenn man im Moment weiß, was man tut, ist redundantes Verhalten verschwenderisch. Wenn das Ziel allerdings das Streben nach Wissen ist, die Erkundung des Möglichkeitsraums, dann ist Redundanz nicht nur nützlich, sie ist ein Wunder an Effizienz, wie wir mit dem Aufkommen redundanter Computer-Systeme wieder entdecken. Parallelprozesse schlagen serielle Prozesse jederzeit. Hoch parallele (redundante) Prozesse sind unbestritten die Krönung.

Wenn Redundanz und Anzahl triumphieren, offenbart der Möglichkeitsraum seinen Schatz. Für die Ameisen heißt das FUTTER und für Sie heißt dass, den leckeren Obstkuchen im Blick zu behalten, den Sie sich zum Dessert aufgehoben haben. Er könnte auf einmal verschwunden sein. Plötzlich verwandelt sich das scheinbar zufällige Verhalten der Ameisen in eine einzelne Schlange von arbeitsamen Ameisen, die den Kuchen Stück für Stück auseinander reißen und den Preis nach Hause tragen. Das Geheimnis ist einfache, genaue und schnelle Kommunikation. Die Ameisen benutzen eine kraftvolle Kombination kleiner Tänze und Chemikalien, um ihren Kameraden nicht nur mitzuteilen, dass die Suche erfolgreich war, sondern auch, wie sie am schnellsten zum Futter und zurück zum Hügel kommen. Zufälliges Verhalten wird zu einer konzertierten Aktion: Your tart is history.

Was wir von den Ameisen lernen können, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Eine große Anzahl an Teilnehmern und redundanten Aktionen führt in Kombination mit einfacher, genauer und schneller Kommunikation dazu, dass der Möglichkeitsraum seinen Schatz hervorbringt. Für die Ameisen bedeuten die Früchte ihres Wissens etwas Konkretes: Abendessen. Es sollte auch angemerkt werden, dass diese sehr komplexe und dennoch elegant einfache Aufgabe, zu lernen und Wissen zu erzeugen, ganz von alleine geschieht. Es ist weder ein Professor in Sicht, noch ein Curriculumskomittee. Ein komplex adaptives System ist eine Lernende Organisation, die möglicherweise zeigt, dass besondere Anstrengungen eine Lernende Organisation zu erschaffen eher eine Zeitverschwendung sind. Wenn die Wissenschaft Recht hat, existieren Lernende Organisationen seit dem Anbeginn – die gesamten 14 Milliarden Jahre.

Harrison Owen 2007

Mit freundlicher Genehmigung aus: Dr. Andreas Zeuch (Hrsg.)(2007): Management von Nichtwissen in Unternehmen. Carl-Auer: S. 170-172

Siehe auch: Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten – Interview mit dem Autor Dr. Andreas Zeuch

Teil 1 – Intro
Teil 2 – Opening Space für die Frage: Vorbereitung des Wissensfeldes
Teil 3 – „Revolutionäres“ Lernen …
Teil 4 – Opening Space für Selbstorganisation
Teil 5 – Möglichkeitsraum und die Suche nach dem jeweiligen Optimum
Teil 6 – Open Space als Möglichkeitsraum
Teil 7 – Die Suche nach dem jeweiligen Optimum im Open Space
Teil 8 – Lernen lernen – Das Geschenk des Nichtwissens

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