Open(ing) Space für Nichtwissen – Teil 6

“Open Space ist durch konstante Bewegung charakterisiert – intellektuell, körperlich und (häufig) emotional. Das, was dem externen Beobachter chaotisch erscheint, ist für die Mehrheit der Teilnehmer etwas Natürliches, sogar Absichtsvolles und während sie nicht genau wissen, wohin sie gehen, scheint ihnen ihre Reise Spaß zu machen.”

Bild: Andreas Zeuch

Open Space als Möglichkeitsraum

Jede Open Space – Veranstaltung beginnt mit nichts als einer Frage, und Fragen erschaffen im Gegensatz zu Bemerkungen Raum. Dieser Raum ist jedoch nicht Nichts. Er ist zunächst in weit gesteckten Grenzen definiert, aber das macht klar, dass wir von diesem Raum sprechen in Abgrenzung zu allen anderen. „Was sind die zu lösenden Probleme und Möglichkeiten um die Qualität der Wasserversorgung unserer Gemeinde zu verbessern?“ Diese Frage schafft einen konzeptuellen Rahmen mit dem Fokus der „Wasserversorgung in unserer Gemeinde“. Bestimmte Dinge sind ausgeschlossen, zum Beispiel die Wasserversorgung auf dem Mars. Die Frage schafft aber ebenso Raum für diejenigen, die sich für „unsere Gemeinde“ und „Wasserversorgung“ interessieren. Nur diejenigen, die dies interessiert, werden von dieser Frage angezogen. Der Magnetismus der Frage lädt den Raum mit elektrisierenden Möglichkeiten. Aber bitte beachten Sie: Es ist noch keine Antwort in Sicht. Deshalb ist dies eine wirkliche Frage im Gegensatz zu rhetorischen Fragen.

Wenn die Frage gestellt ist und die Teilnehmer sich versammeln, sitzen sie in einem Kreis – mit Nichts in der Mitte. Es gibt keine Tische, kein Podium; lediglich die Teilnehmer, die sich ohne Hindernisse anschauen. Und wenn 2000 Teilnehmer da sind, ist es ein sehr großer Kreis, ein sehr großer Raum. Aber auch mit kleineren Gruppen fühlt sich der dazwischen liegende Raum für die meisten Teilnehmer komisch an, für manche sogar unangenehm. Es lohnt sich, die Teilnehmer zu beobachten, wenn sie sich setzen. Einige scheinen verwirrt, wo sie sitzen sollen, da keine Plätze reserviert sind und im Kreis gibt es kein Vorne oder Hinten. Wie kleine Kinder, die ein Schwimmbecken erkunden, sind sie sich des Randes sehr bewusst und wenn sie diesen Rand überschreiten (den Zeh ins Wasser stecken), weichen sie schnell wieder zurück. Wenn sie es für nötig befinden, zur anderen Seite zu gehen, dann laufen sie eher den gesamten Kreis ab, als durch die Mitte zu gehen.

Der physikalische und der konzeptuelle Raum sind komplementär.
Der Magnetismus der Frage zieht die Teilnehmer an und das unangenehme Gefühl des offenen Raumes hält sie auf Distanz. Die Atmosphäre kann gut als aufgeladen beschrieben werden wie ein elektrisches Feld. Der leere, offene Raum ist negativ – was nicht schlecht oder ungünstig ist, sonder negativ im Sinne des elektrischen Feldes, das einen negativen und positiven Pol hat. Metaphorisch (und vielleicht auch wirklich) ist der offene Raum die Erdung, eine große Leere, die die positive Energie und Einsicht der Teilnehmer auf sich zieht. Ich glaube das ist die Kraft der Frage. Es ist manifestiertes Nichtwissen. Außer der Frage im Kopf der Teilnehmer wurde bisher kein Wort gesprochen. Aber das Feld, auf dem das Wissen wachsen kann, ist vorbereitet.

Was in einem Open Space als nächstes passiert, ist eine große Überraschung für neue Teilnehmer: Der Moderator skizziert kurz die Herangehensweise und lädt dann die Teilnehmer mit allen Subthemen, denen sie nachgehen möchten, in die Mitte des Kreises ein. Diese Einführung des Moderators dauert insgesamt ca. 15 – 20 Minuten. Wenn der Moderator fertig ist, gibt es einen Moment völliger Stille – was  dem Auftraggeber der Veranstaltung wie eine Ewigkeit erscheint. Nach ungefähr 15 Sekunden kommen die ersten Teilnehmer in die Mitte und schreiben ihr Thema auf ein Stück Papier und geben es der gesamten Gruppe bekannt. Der Andrang in die Mitte ist meist enorm und es ist nicht unüblich, dass 50 – 60 Leute geduldig warten, um ihr Thema anzukündigen. Sobald jedes Thema vorgestellt wurde, heften die Teilnehmer es an eine Wand. Das läuft so lange, bis keine neuen Themen aufkommen. Die Anzahl dieser Themen kann überwältigend sein (236 im Fall der 2008 Psychiater). Sobald das letzte Thema vorgestellt wurde, können die Teilnehmer an die Wand, um sich für die Themengruppen einzutragen, bei denen sie dabei möchten. Probleme bezüglich Terminen oder Themendoppelungen lösen sie selbst. In kurzer Zeit hat sich die große Gruppe in kleine und agile Gruppen aufgeteilt; und wieder ist der offene Raum leer. All das geschieht in ein bis anderthalb Stunden oder weniger.

Einem zufälligen Passanten erscheint das Geschehen in einem Open Space zu Beginn chaotisch, verwirrend und zufällig. Während es ruhiger wird über die nächsten ein oder zwei Tage, sind die dann aktuellen Szenen womöglich noch schlimmer. Obwohl es so wirkt, als ob die Teilnehmer sich selbst gut in die Kleingruppen eingeteilt hätten, wird schnell in den entstehenden Gruppendiskussionen deutlich, dass in vielen Fällen das angekündigte Thema nur ein Startpunkt mit geringer Voraussagekraft für das Endresultat ist. Diskussionen beginnen an einem Ort und enden an einem anderen – oder an vielen Orten. Die Gruppen scheinen für eine kurze Zeit stabil zu sein, aber mit der Zeit wird deutlich, dass es durch kommende und gehende Teilnehmer eine konstante Bewegung gibt. Diese Bewegung wird durch ein Gesetz des Open Space unterstützt, das anfänglich durch den Moderator erläutert wird. Es ist bekannt als das Gesetz der zwei Füße: „Wenn Sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt in irgendeiner Situation befinden, wo sie weder etwas lernen noch etwas beitragen können, nutzen Sie Ihre zwei Füße. Gehen Sie zu einem anderen Ort, an dem Sie lernen oder etwas beitragen können.“

Open Space ist also durch konstante Bewegung charakterisiert – intellektuell, körperlich und (häufig) emotional. Das, was dem externen Beobachter chaotisch erscheint, ist für die Mehrheit der Teilnehmer etwas Natürliches, sogar Absichtsvolles und während sie nicht genau wissen, wohin sie gehen, scheint ihnen ihre Reise Spaß zu machen.

Im Verlauf eines Open Space entsteht ein sonderbares Phänomen. Verschiedene Themen wachsen zusammen und werden zu gemeinsamen Fäden, die sich durch die Diskussion ziehen. Ohne Abstimmung oder andere formale Handlungen entsteht ein Konsens. Konfligierende Ideen ergänzen sich zu einem stabileren Verständnis und Herangehen. Es entstehen Antworten zu den initiierten Themen. Neues Wissen manifestiert sich aus dem anfänglichen Unwissen. Wissen entsteht aus Nichtwissen.

Die Spezifität der Antworten, des Wissens oder der Herangehensweise variiert mit dem Anfangspunkt des gesamten Gespräches. Wenn der Start global ist (Frieden auf Erden), wird das Ende eher diffus sein. Wenn der Start aber konkreter und fokussierter ist, sind Handlungspläne zum Abschluss üblich, die für eine Umsetzung bereit sind oder in manchen Fällen schon umgesetzt sind. Wie passiert all das?

Harrison Owen 2007

Mit freundlicher Genehmigung aus: Dr. Andreas Zeuch (Hrsg.)(2007): Management von Nichtwissen in Unternehmen. Carl-Auer: S. 170-172

Siehe auch: Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten – Interview mit dem Autor Dr. Andreas Zeuch

Teil 1 – Intro
Teil 2 – Opening Space für die Frage: Vorbereitung des Wissensfeldes
Teil 3 – „Revolutionäres“ Lernen …
Teil 4 – Opening Space für Selbstorganisation
Teil 5 – Möglichkeitsraum und die Suche nach dem jeweiligen Optimum
Teil 6 – Open Space als Möglichkeitsraum
Teil 7 – Die Suche nach dem jeweiligen Optimum im Open Space
Teil 8 – Lernen lernen – Das Geschenk des Nichtwissens

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