Open(ing) Space für Nichtwissen – Teil 7

„Die Erfahrung zeigt, dass berichtenswerte Dinge schneller durch die Open Space – Landschaften jagen, als sie in Berichten oder auf Computerbildschirmen erscheinen.“

Die Suche nach dem jeweiligen Optimum im Open Space

Harrison Owen, Erfinder von Open Space und Autor des Artikels
Harrison Owen, Erfinder von Open Space und Autor des Artikels

Mit dem gebührenden Respekt gegenüber meinen Mitmenschen mache ich den frechen Vorschlag, dass einem der Mechanismus bei Ameisen wohlbekannt ist. Es ist die uralte Suche nach dem jeweiligen Optimum. Wenn für die Ameisen ein paar basale Erfordernisse erfüllt sind (viel Raum, eine große Anzahl, große Redundanz und schnelle, einfache und genaue Kommunikation), ist ein positives Ergebnis sehr wahrscheinlich, wenn auch nicht garantiert.

Der Raum ist – wie beschrieben – sehr groß und gleichzeitig ausreichend begrenzt um den Fokus und die Intention der Versammlung zu klären. Die Anzahl der Teilnehmer hat praktisch keine Grenze. Die Organisationsentwicklung unterstützt üblicherweise, das „ganze System in einen Raum“ zu bekommen. Diese Aufforderung führt normalerweise zu einer kleinen, repräsentativen Gruppe von Stakeholdern. Mit Open Space ist buchstäblich der Himmel die Grenze. Gruppen bis 2000 Teilnehmer haben gut funktioniert und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass diese Anzahl nicht erhöht werden könnte. Natürlich könnte möglicherweise der physikalische Raum ein Problem werden, aber kein unlösbares. Mit den Möglichkeiten der Internetkommunikation ist es möglich, simultane Open Spaces an vielen Plätzen zu einem Thema für eine sehr große Gruppe zu veranstalten. Mehr Teilnehmer? Erweitern Sie einfach den Raum.

Die Erwähnung des Internets bringt uns zur Berücksichtigung der Kommunikation im Open Space. In einer typischen Situation sind Computer für die Teilnehmer vorbereitet. Wenn jede Themengruppe ihre Diskussion beendet hat, wird der Gründer dieser Gruppe einen kurzen Bericht auf dem Computer erstellen. Dieser Bericht wird dann sofort online und als hard copy an alle Teilnehmer verteilt. Zum Ende der Veranstaltung gibt es für die Teilnehmer einen kompletten schriftlichen Bericht über die Arbeit, der nach Hause mitgenommen werden kann oder online verfügbar ist. Ein Open Space fördert eine recht genaue, einfache und schnelle Kommunikation. Die meisten Teilnehmer lesen den Bericht. Neugierde stellt sicher, dass sie wissen wollen, was passiert ist. Die Computer und Berichte sind aber nur die Spitze es Kommunikations-Eisberges.

Die kraftvollste Kommunikation ergibt sich durch einen alten Mechanismus. Man kann es Büroklatsch oder Treppenhausgeflüster nennen – aber die Erfahrung zeigt, dass berichtenswerte Dinge schneller durch die Open Space – Landschaften jagen, als sie in Berichten oder auf Computerbildschirmen erscheinen. Es kommt auch vor, dass die Kommunikationsgeschwindigkeit sogar die Kapazität von Büroklatsch und Gerüchteküchen überholt – was erfordert, dass Menschen miteinander sprechen. Ich kann es nicht erklären, sondern nur berichten: Die Kommunikationsgeschwindigkeit war in vielen Fällen trotz komplexer Inhalte, die mehr waren als ein einzelnes Wort oder Faktum, blitzschnell. Es hatte den Anschein, als ob ein kollektives Bewusstsein am Werk war, welches nicht mit dem kollektiven Unbewussten der Jungianischen Archetypen verwechselt werden darf. Es ist vielmehr eine funktionale Intelligenz, die auftaucht und in der Lage ist, die Situation zu beobachten, Meinungen zu berücksichtigen und dann konzertierte Aktionen durchzuführen – alles in einer unglaublich kurzen Zeitspanne (Minuten) ohne ein Wort gesprochen zu haben. Ich habe keine Ahnung, wie das funktioniert. Aber die Momente, in denen dieses kollektive Bewusstsein auftauchte, erinnerten mich an die Verhaltensveränderung der Ameisen, wenn sie sich von der zufälligen Suche in gut organisierte Reihen verwandeln und den Kuchen nach Hause bringen, was in einem Augenblick zu geschehen scheint. Ich meine, wenn Ameisen das tun können, sollten Menschen auch dazu in der Lage sein.”

Harrison Owen 2007

Mit freundlicher Genehmigung aus: Dr. Andreas Zeuch (Hrsg.)(2007): Management von Nichtwissen in Unternehmen. Carl-Auer: S. 170-172

Siehe auch: Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten – Interview mit dem Autor Dr. Andreas Zeuch

Teil 1 – Intro
Teil 2 – Opening Space für die Frage: Vorbereitung des Wissensfeldes
Teil 3 – „Revolutionäres“ Lernen …
Teil 4 – Opening Space für Selbstorganisation
Teil 5 – Möglichkeitsraum und die Suche nach dem jeweiligen Optimum
Teil 6 – Open Space als Möglichkeitsraum
Teil 7 – Die Suche nach dem jeweiligen Optimum im Open Space
Teil 8 – Lernen lernen – Das Geschenk des Nichtwissens

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