Wieviel Arbeit braucht der Mensch?

Der Titel, zu dem ich hier ein paar Überlegungen vortragen soll, ist gut gewählt, denn er bringt mit nicht mehr als fünf Worten die vollkommene Absurdität unserer Arbeitsverhältnisse auf den Begriff. In früheren Zeiten, als unsere Ahnen noch das zum Leben Notwendige zusammenjagten und -sammelten, war diese Frage leicht beantwortet, wenn sie sich denn überhaupt stellte: Man musste so lange ‚arbeiten‘ bis man satt zu essen hatte. Es wäre vollkommen sinnlos, ja sogar in höchstem Maße existenzgefährdend gewesen, wenn man versucht hätte, ein Mehr zu erwirtschaften durch mehr Arbeit; denn ihr Dasein konnten unsere frühen Vorfahren nur sichern, wenn sie sich ihre Beweglichkeit erhielten, unbehindert von einem Ort zum andern ziehen konnten, um das Lebensnotwendige zu finden. Weder Besitz noch Vorsorge waren dem Selbsterhalt zuträglich. Tragbarkeit, portability, nicht Besitz und Vorrat, war darum der höchste Wert. Jeder Besitz war beschwerlich.

Es wird von  Anthropologen glaubhaft versichert, dass die Jäger- und Sammlerinnen- Kulturen in vorkolonialer Zeit, also bevor ihnen ihr traditionelles Wandergebiet  streitig gemacht wurde, nicht mehr als zwei bis fünf Stunden täglich für ihre Existenzsicherung aufwenden mussten. Die übrigen Stunden des Tages standen für Palaver, Schlaf und Gelage zur Verfügung.

WIEVIEL ARBEIT BRAUCHT DER MENSCH _ Noch in der bäuerlichen, sesshaften Lebensweise ist die Frage danach, wie viel Arbeit der Mensch braucht, offenkundig verrückt. Arbeit braucht man nicht, die hat man, und das einzige was über sie zu sagen ist, ist, dass sie getan werden muss. Arbeit ist nicht Gegenstand des Begehrens, sondern das Mittel, das dazu taugt, sein Dasein zu fristen. Sie ist ein notwendiges Übel oder einfach nur notwendig, und sie wird vom Winter, vom Feierabend und Festtag unterbrochen. Das Gegenstück der Arbeit ist also die Muße.

In der biblischen Tradition ist sie der Fluch Gottes, der über den erkenntnishungrigen Menschen gesprochen wird. Aber sie ist auch ein Segen, denn in ihr waltet ein Gesetz der Mäßigung, das eine Balance erhält zwischen den Kräften, die man verausgaben kann und dem Begehren, das an diesen Kräften seine Grenze findet. Ich komme darauf zurück.

Noch im 19. Jahrhundert konnten intelligente Leute darüber spotten, dass die Zeitgenossen versessen auf Arbeit waren, dass sie einer krankhaften Arbeitssucht verfallen und in eine geistige Verwirrung geraten waren. Als Heilmittel gegen diese Verirrung empfahl Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, den Arbeitswütigen den wohltuenden Müßiggang und stimmte ein Lob der Faulheit an. …

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Prof. Marianne Gronemeyer
Prof. Marianne Gronemeyer

Dieser Artikel stammt von Prof. Marianne Gronemeyer (Professorin für Erziehungswissenschaften und Buchauotrin) und ist erschienen auf DENK-DOCH-MAL.DE. Darin weitere Abschnitte des :

 

ARBEIT SIEHT MANCHMAL ZIEMLICH ARMSELIG AUS

MENSCHEN WERDEN HILFLOSER UND ABHÄNGIGER

SCHATTENARBEIT UNBEZAHLBAR

SINNERFÜLLTE ARBEIT

WIR VERNACHLÄSSIGEN FÄHIGKEITEN

LATENTER KRIEGSZUSTAND _ Konsumenten sind – viertens – ‚kriegende‘ Menschen, so haben wir festgestellt. Kriegende Menschen sind aber nicht nur solche, die alles, was sie zu brauchen glauben, kriegen müssen, sondern auch solche, die mit allen anderen im latenten Kriegszustand leben. Denn alle anderen sind genau so darauf angewiesen, von den knappen Vorräten genug abzukriegen. Jeder Vorteil des einen ist nur zu haben um den Nachteil des anderen. Und so ist das Prinzip der Verfeindung die Grundlage der konsumistischen Gesellschaft.

Die Frage: wie viel Arbeit braucht der Mensch ist also einerseits getrieben von der Sorge, mir meinen Vorteil auf dem Markt der knappen Ware ‚Arbeit‘ zu sichern und andererseits von dem Überdruss an einem Tätigsein gezeichnet, das mich als Person leer ausgehen lässt, wie viel Geld auch dabei herausspringt.

Und noch eine Bemerkung zum Schluss: Wenn ich mit der These recht habe, dass wir heute in jedweder beruflichen Tätigkeit mehr Schaden anrichten als nützen, dann können wir getrost unser Verhältnis zu den Arbeitslosen, die wir gern als Gescheiterte ansehen, überdenken. Nicht sie, sondern die im Arbeitsleben Stehenden hätten sich dann die Sinnfrage zu stellen und stünden in einer vollkommenen Umkehrung der Beweislast unter Rechtfertigungszwang.

2 Gedanken zu „Wieviel Arbeit braucht der Mensch?“

  1. Was habe ich über Arbeit zu sagen?
    Ich tue immer und teile meine Zeit nicht durch die Differenzierung von Begrifflichkeiten.

    Anspannung und Entspannung (auf welcher Ebene auch immer) sollten im ausgewogenen Verhältnis stehen, sonst wird man krank.

    Es kann doch jeder machen, wie er will.
    Einige opfern gerne ihre Gesundheit für Arbeit. Ich gönne ihnen das Geld, das sie sich redlich verdient haben.
    Es gibt Leute, die das machen, woran sie Freude haben.
    Es gibt Leute, die das machen, was notwendig ist.
    Es gibt Leute, die das machen, was andere sagen.
    Es gibt Leute, die das machen, was andere wünschen.
    Es gibt Leute, die das machen, was andere brauchen.

  2. Deine Frage war wohl eher die Frage nach der Bezahlung.
    Bezahlung ist nichts anderes als eine Form der Wertschätzung. Es gibt diverse Formen der Wertschätzung, die alle als Währung bezeichnet werden könnten.
    Natürlich wirst du keine Leistung mehr erbringen wollen, wenn es keinen entsprechende Bezahlung für diesen Handel gibt. Der Mehrwert für dich bleibt ja aus.

    Wenn es keinen Wert bzw. Mehrwert für dich hat, dann ist es eben nicht mehr stimmig und unsinnig. Diesen Energieverlust (schlechtes Geschäft) kann man dann auch mit einem kollektiven Konsens namens Geld nicht kompensieren.

    Jeder Vollhonk weiß, das man sich mit Geld nicht alles kaufen kann.

    Wie sieht die Lage denn mit der natürlichen Wertschätzung aus?
    Es gibt eine Grundregel: Alles, was man nicht schätzt (nicht zu schätzen weiß), verliert man.

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